95 – „Bevor ich mich aufrege, …

95Gelassenheit

… ist es mir lieber egal!“

 

Ich lese diesen Satz auf einer Postkarte.

Selbst, wenn die Zeit knapp ist:

Nein!

Nein!

Nein!

Eine solche Haltung

ist für mich

inakzeptabel –

eine faule, schlecht-riechende Ausrede –

ein egoistische Rückzug

in die private Bequemlichkeit –

Manchmal – verlogener Weise –

unter dem Deckmäntelchen

der als Lebenserfahrung

ausgegebenen Haltung der Gelassenheit –

 

Kann mir egal sein,

dass alle 5 Sekunden ein Kind stirbt –

dass in Syrien Kinder leben, die ausschließlich Krieg als Leben erlebt haben –

dass jüdische Kinder an Schulen gemobbt werden –

dass 19.000 Kindersoldaten im Südsudan kämpfen –

… –

 

Gelassenheit – eine wünschenswerte Haltung

die nicht zu verwechseln ist mit Gleichgültigkeit –

ist etwa alles gleich, und gleich gültig?

die nicht zu verwechseln ist mit Tatenlosigkeit –

ist etwa Nichtstun nicht auch eine Tat?

die nicht zu verwechseln ist mit Teilnahmslosigkeit –

ist etwa Leben ohne Teilnahme möglich?

 

In der folgenden Geschichte von J. P. Hebel

findet sich

eine andere Form der Gelassenheit:

„Der listige Quäker“

„Die Quäker sind eine Secte zum Exempel in England, fromme, friedliche und verständige Leute, wie hierzulande die Wiedertäufer ungefähr, und dürfen vieles nicht tun nach ihren Gesetzen, nicht schwören, nicht das Gewehr tragen, vor niemand den Hut abziehn, aber reiten, dürfen sie, wenn sie Pferde haben. Als einer von ihnen einmal abends auf einem gar schönen stattlichen Pferd nach Haus in die Stadt wollte reiten, wartet auf ihn ein Räuber mit kohlschwarzem Gesicht, ebenfalls auf einem Roß, dem man alle Rippen unter der Haut, alle Knochen, alle Gelenke zählen konnte, nur nicht die Zähne, denn sie waren alle ausgebissen, nicht am Hafer, aber am Stroh. ‚Kind Gottes’, sagte der Räuber, ‚ich möchte meinem armen Tier da, das sich noch dunkel an den Auszug der Kinder Israel aus Ägypten erinnern kann, wohl auch ein so gutes Futter gönnen, wie das Eurige haben muß dem Aussehen nach. Wenn’s Euch recht ist, so wollen wir tauschen. Ihr habt doch keine geladene Pistole bei Euch, aber ich’.

Der Quäker dachte bei sich selbst: ‚Was ist zu tun? Wenn alles fehlt, so hab ich zu Haus noch ein zweites Pferd, aber kein zweites Leben’. Also tauschten sie miteinander und der Räuber ritt auf dem Roß des Quäkers nach Haus, aber der Quäker führte das arme Tier des Räubers am Zaum. Als er aber gegen die Stadt und an die ersten Häuser kam, legte er ihm den Zaum auf den Rücken und sagte: ‚Geh voraus, Lazarus, du wirst deines Herrn Stall besser finden, als ich’. Und so ließ er das Pferd vorausgehen und folgte ihm nach Gasse ein, Gasse aus, bis es vor einer Stalltüre stehenblieb.

Als es stehenblieb und nimmer weiterwollte, ging er in das Haus und in die Stube, und der Räuber fegte gerade den Ruß aus dem Gesicht mit einem wollenen Strumpf. ‚Seid Ihr wohl nach Haus gekommen?’ sagte der Quäker. ‚Wenn’s Euch recht ist, so wollen wir jetzt unsern Tausch wieder aufheben, er ist ohnedem nicht gerichtlich bestätigt. Gebt mir mein Rößlein wieder, das Eurige steht vor der Tür’. Als sich nun der Spitzbube entdeckt sah, wollte er wohl oder übel, gab er dem Quäker sein gutes Pferd zurück. ‚Seid so gut’, sagte der Quäker, ‚und gebt mir jetzt auch noch zwei Taler Rittlohn; ich und Euer Rößlein sind miteinander zu Fuß spaziert’. Wollte der Spitzbube wohl oder übel, mußt er ihm auch noch zwei Taler Rittlohn bezahlen. ‚Nicht wahr das Tierlein läuft einen sanften Trab’, sagte der Quäker.

(Hebel, J. P.)

Die Haltung der Gelassenheit beinhaltet demnach:

(Gott)Vertrauen

(Nach)Denken

das Richtige tun

geschehen lassen

(Gott)Vertrauen

 

Gottvertrauen

ist Gelassenheit

auf allerhöchster Ebene.

(Ferstl, E.)

 

 

8 Kommentare zu „95 – „Bevor ich mich aufrege, …

  1. Meister Eckhart ist der Meister der Gelassenheit.
    Sie ist für ihn ein Sachverhalt, der Ruhe, Versenkung, Demut, Anbetung, Weisheit und Hingabe anzeigt. In der Gelassenheit kann der Mensch etwas aufgeben und etwas loslassen. Mit Ruhe und einem Gemüt, das im Guten versenkt ist.
    Wie man Gelassenheit ins Leben umsetzt, vermittelt ein Tagebucheintrag vom hl. Papst Johannes XXIII., der auch als die 10 Gebote der Gelassenheit bekannt ist, vielleicht auch Dir. Er lautet:

    1. Nur für heute werde ich mich bemühen, den Tag zu erleben, ohne das Problem auf einmal lösen zu wollen.
    2. Nur für heute werde ich die größte Sorge für mein Auftreten pflegen: vornehm in meinem Verhalten; ich werde niemanden kritisieren, ja, ich werde nicht danach streben, die anderen zu korrigieren oder zu verbessern, nur mich selbst.
    3. Nur für heute werde ich in der Gewissheit glücklich sein, dass ich für das Glück geschaffen bin, nicht nur für die andere, sondern auch für diese Welt.
    4. Nur für heute werde ich mich an die Umstände anpassen, ohne zu verlangen, dass die Umstände sich an meine Wünsche anpassen.
    5. Nur für heute werde ich zehn Minuten meiner Zeit einer guten Lektüre widmen; wie die Nahrung für das Leben des Leibes notwendig ist, ist die gute Lektüre notwendig für das Leben der Seele.
    6, Nur für heute werde ich eine gute Tat vollbringen, und ich werde es niemandem erzählen!
    7. Nur für heute werde ich etwas tun, wozu ich keine Lust habe, es zu tun; sollte ich mich in meinen Gedanken beleidigt fühlen, werde ich dafür sorgen, dass niemand es merkt.
    8. Nur für heute werde ich ein genaues Programm aufstellen. Vielleicht halte ich mich nicht genau daran, aber ich werde es aufsetzen. Und ich werde mich vor zwei Übeln hüten: die Hetze und die Unentschlossenheit.
    9. Nur für heute werde ich fest glauben – selbst wenn die Umstände das Gegenteil zeigen sollten -, dass die gütige Vorsehung Gottes sich um mich kümmert, als gäbe es sonst niemanden in der Welt.
    10. Nur für heute werde ich keine Angst haben. Ganz besonders werde ich keine Angst haben, mich an allem zu erfreuen, was schön ist, und an die Güte zu glauben. Mir ist es gegeben, das Gute während zwölf Stunden zu wirken; mich könnte es entmutigen zu denken, dass ich es das ganze Leben durchsetzen muss.

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    1. Ganz vielen Dank für diesen ausführlichen Kommentar.
      Meister Eckhart ist, so weiß ich informiert bin, sogar der Erfinder des Begriffes Gelassenheit.
      Dass du den wunderbaren Text von Johannes XXIII. hier eingestellt hast, dafür bin ich dankbar. Er ist eine wunderbare Anleitung für Gelassenheit im Alltag.
      Ich kenne ihn gut, habe einige Zeit versucht, von Tag zu Tag immer einen Aspekt „nur für heute“ in meinem Leben wirklich werden zu lassen – wie so vieles ist er irgendwann wieder in der Versenkung verschwunden. Jetzt freue ich mich sehr, diesen alten Bekannten wieder zu sehen und ihn wieder in mein Leben aufzunehmen. DANKE!

      Gefällt 1 Person

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