87 – Im Kern

Ein Lachen

irrt seit Tagen

verzweifelt

durch die Straßen.

Alles hat es verloren.

So schwach ist es geworden,

dass sogar die Erinnerung,

wie es dazu gekommen ist,

nur ganz nebelhaft in ihm wabert:

Die Zustände sind

unerträglich geworden.

Das Lachen ist (allen)

vergangen

gegangen –

und man hat es gehen lassen.

Es ist zutiefst verzweifelt, heimatlos.

Frierend und einsam

schleicht es durch die Straßen.

Da hört es

Gesang.

Wo man singt, da lass die ruhig nieder.

Böse Menschen kennen keine Lieder …

So hat die die Mutter es gelehrt.

Also betritt das Lachen

mit langsam aufkeimender Hoffnung

ein großes Gebäude.

Ein wenig dunkel ist es drinnen.

Viele Menschen sitzen

in Reihen auf Holzbänken

hintereinander.

Wenige Kinder sieht das Lachen …

und die Hoffnung beginnt zu schwinden.

Ganz vorne steht ein Mann an einem Mikrofon.

Alle schauen mit ernsten Gesichtern zu ihm.
“ … Den alten Brauch des Osterlachens, des risus paschalis,
den wollen auch wir heute praktizieren.“

Jetzt spürt das Lachen,

wie es wächst.

Aufgeregt schaut es

die Gesichter der Menschen an
“ … die Angst vor dem Tod weglachen!“

Einige Münder öffnen sich ein wenig.

Bei einem älteren Mann sieht das Lachen

die Mundwinkel nach oben gehen.

Als es noch genauer hinschaut,

erkennt es viele kleine Lachfalten

um seine Augen und seinen Mund.

Da geh ich hin, denkt es sich.

Da könnte meine neue Heimat sein.
„Deshalb erzähle ich euch diesen Osterwitz: …“

Das Lachen beginnt sich ganz unten im Bauch des Mannes einzunisten.

Nach der Kreuzigung Christi kommt Nikodemus zu Josef von Arimathäa und bittet ihn, sein Grab für Jesus zur Verfügung zu stellen, doch dieser nennt Ausflüchte: „Ich brauche das Grab für mich und meine Familie.“ – Darauf Nikodemus: „Stell dich nicht so an – ist doch nur übers Wochenende!“

… und es ist genau rechtzeitig angekommen:

Der Bauch des Mannes beginnt zu beben

und er holt das Lachen aus sich heraus

und schenkt es laut und fröhlich

allen Umstehenden!

Es wird groß,

es wird bedeutend,

es vervielfacht sich.

Zuletzt gelangt es zu einer schwarz gekleideten jungen Frau.

Sie trägt ein kleines Kind auf dem Arm.

An ihrem Finger sind zwei einfache goldene Ringe.

Ganz leise erhellt sich ihr Gesicht –

liebevoll lachlächelnd schaut sie ihr Kind an.

… und ein ganz klein wenig stolz wiederholt das Lachen in Gedanken:

„Die Angst vor dem Tod weglachen!“

Im Kern eines guten Witzes steckt immer eine Katastrophe, und wir erzählen uns Witze, damit man die Katastrophen, aus denen das Leben besteht, überhaupt ertragen kann.

Tabory G.

21 Kommentare zu „87 – Im Kern

  1. Ich möchte mich bei Dir bedanken für die Schritte, an denen Du teilhaben lässt – dass es wirklich getane Schritte sind – daran teilhaben zu lassen, ist ein Stück Weggemeinschaft – gesegnete und frohe Ostern!
    Guido

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Guido, Danke, Danke- ich freue mich wirklich sehr, wenn man etwas mit dem anfangen kann, was ich denke, schreibe und wenn ich Begleiter werde. Viele Kommentare haben mir intensive Denkanstöße zurück gegeben. Auch dir noch eine hoffnungsvolle Osterzeit.

      Gefällt mir

  2. Ich musste über den Witz herzlich lachen, danke dafür 😊 Er erinnert mich auch an einen Witz, der mit einer fränkischen Stadt in Verbindung gebracht wird: „Suchet das Himmelreich zu erlangen…“. Ich wünsche dir ein gesegnetes Osterfest, LG, Dario 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Hurra – das freut mich … ich steh grad auf der Leitung, was das fränkische Himmelreich betrifft🤔 … aber das ist vielleicht die Feiertagsfaulheit. 😪
      Dir auch noch ein hoffnungsgebendes Ostern. Mit Cäcilia

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