Ernst machen

Wenn man wirklich damit ernst machen will, dann wird es schwierig!
Was wäre denn wirklich so wichtig, dass man es unbedingt noch erleben müsste, was wäre so entscheidend unternommen zu werden, damit ein Leben – mein Leben – als vollendet gelten könnte.

Zunächst muss klar sein: So ernst, dass ich z. B. auf der Stelle meine berufliche Tätigkeit aufgebe, werde ich den Echtzeit-Test wohl nicht durchziehen.

Dennoch, selbst in der Vorstellung konstatiere ich angesichts der Unendlichkeit der Möglichkeiten Ratlosigkeit wenn nicht gar Lähmungsgefühle in mir.
Ist es wichtig, die Welt zu bereisen, um sagen zu können, dies war MEIN Leben und es ist damit erfüllt? Müssen noch große (universitäre) Abschlüsse oder (außerordentliche) berufliche Erfolge angestrebt werden? Wäre die Teilnahme an vielerlei Events, große Erlebnisse, ungezügelter Konsumrauch oder vernunftfreies In-den-Tag-hineinleben die richtige Entscheidung?

Interessanterweise stelle ich fest, dass derartige Ziele – sobald es ernst wird – in mir als ziemlich irrelevant eingestuft werden: Ja, Reisen sind schön, sie erweitern die eigene Perspektive, sie besiegen Engstirnigkeit, erhöhen die Toleranz. Aber sind sie in diesen 100 Tagen (noch) nötig, oder führt nicht gerade die Annahme, die Zeit sei begrenzt, dazu, Toleranz da zu üben, wo sie notwendig ist, aber ebenso mit einem gerüttelten Maß an Gelassenheit gegenüber vielerlei (alltäglichen) (Un-)Wichtigkeiten zu (re-)agieren – respektive, eine Haltung einzunehmen, die Belanglosigkeit, Bürokraterie, Engherzigkeit und Pedanterie übersteigt?

Ebenso lässt sich die Frage stellen, inwiefern (berufliche) Erfolge (noch) wichtig sein sollten. Bei vollkommener Ehrlichkeit mir selbst gegenüber, stelle ich fest, dass diese zu großen Teilen auch deshalb angestrebt werden, weil – menschlich, allzu menschlich – ich einfach gelobt und vor allem geliebt werden will. Muss ich angesichts der 100 Tage nicht eine andere Grundlage suchen, mein Fähnchen nicht so sehr dem Wind überlassen?

Große Events, Erlebnisse, Konsumrausch oder jedwede Unvernünftigkeit könnten angesichts der 100 Tage noch am ehesten als „sinnvoll“ erscheinen, vielleicht gerade deshalb, weil so viele gängige Alltäglichkeiten plötzlich auf die Sinnwaage gelegt werden – und versagen. Vielleicht, weil angesichts der 100 Tage plötzlich vieles sinnfrei, alles anders wird.

Ich habe eine noch unklare Vorstellung dessen, dass mein Leben seinen Sinn daraus gewinnen könnte, dass es ein „leben-für “ sein müsste. Auf der Suche nach diesem „Für“ bin ich allerdings schon lange, fast möchte ich sagen, zeitlebens.

In jedem Fall hat das „Für“ sehr viel zu tun mit den Menschen, denen ich täglich begegne, oder noch weiter „der Menschheit“, in jedem Fall hat das „Für“ sehr viel zu tun mit Gott, so wie ich ihn verstehe oder besser erfahre.

Vielleicht geht es nur aus der Vogelperspektive um 100 Tage, die die Ernsthaftigkeit thematisieren. Vielleicht sieht der Echtzeit-Test aber ganz banal dann so aus:

Was ist hier und jetzt in diesem Moment gut, meine Zeit erfüllend, mein Leben vollendend?

Das könnte für die Durchführung der 100 Tage in der Konkretion bedeuten:

  • Jeden Tag überlege ich morgens, was auf mich zukommen wird, versuche mich für den ganzen Tagesablauf von unnötigen Kleinigkeiten frei zu machen.
  • Während des Tages mache ich mir immer wieder bewusst, dass die einzelnen Stunden und Minuten wesentlich sind. So, wie Kierkegaard mal sagte: „Der Tod schaut dir jede Sekunde über die Schulter.“ Entscheidend wäre es, dass ich diese Bewusstheit nicht als Zu-Boden-drückend sondern als Befreiend wahrnehme.
  • Abends gebe ich mir Rechenschaft darüber, ob mir das Tagesexperiment geglückt ist, aber vor allem auch darüber, was sich angesichts des 100-Tage-Echtzeit-Testes am Tagesablauf als anders, als neu für mich und mein Leben erwiesen hat.

Diese drei Grundregeln sollen gelten, alles Weitere wird sich im Laufe des Testes ergeben.

2 Kommentare zu „Ernst machen

  1. Eine spannende Idee, Dein Echtzeittest. Wie schaffst Du es, diese selbst gemachten Bedingungen im Alltag – also im Beruf, bei Freunden und Familie durchzuziehen?

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